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Bei mehr als 95 % der MC-Zwillinge sind Blutgefäße
in ihrer gemeinsamen Plazenta vorhanden, die ihre Kreisläufe
miteinander verbinden (s. Abbildung 2). Diese Gefäßbrücke
(auch chorioangioide Blutgefäße genannt) entsteht
zufällig, wenn die Zwillinge ihre einzelnen plazentaren
Kreisläufe in der frühen Schwangerschaft entwickeln,
um sich mit lebensnotwendigen Nährstoffen über die
Mutter zu versorgen. Die Zwillinge sind sich der Existenz
ihres Mitzwillings nicht bewusst, wenn sie Arterien und Venen
für sich beanspruchen, was letztendlich dazu führt,
dass beide teilweise dieselben plazentaren Blutgefäße
benutzen.
Die Blutgefäßverbindungen
sind bei jeder MC-Plazenta anders: sie unterscheiden sich
in Anzahl, Art und Richtung (von einem Zwilling zum anderen).
Es gibt drei Arten von Verbindungen: Arterie/Arterie, Arterie/Vene
und Vene/Vene. Die Verbindungen treten im ‚Gefäßäquator’
der gemeinsamen MC-Plazenta auf und definieren diesen. Mit
dem Äquator stellen Pathologen fest, ob sich die Zwillinge
die Plazenta gleichmäßig oder asymmetrisch teilen
(s. unten). Bei der Mehrzahl der MC-Zwillinge ermöglichen
die Blutgefäßverbindungen einen ungehinderten Blutfluss
bzw. keinen Blutfluss zwischen den Zwillingen; bei 15 % jedoch
führen sie zu einem Ungleichgewicht des Blutflusses zwischen
den Zwillingen. Hier beginnt die Blutübertragung des
FFTS.
.Wissenschaftler haben der Erforschung
der Gefäßverbindungen besondere Aufmerksamkeit
geschenkt. Offenbar gibt es bestimmte Kombinationen der Gefäßart
und -anzahl, die häufiger bei FFTS auftreten. Faktoren
wie ungleicher Anteil an der Plazenta, Ansatzart der Nabelschnur
(s. Abbildung 3 und 4 sowie Abschnitt über Plazentaanalyse)
und weitere unbekannte Variablen sind jedoch ebenso wichtig.
Obwohl der Plazentatyp (d. h. mono- oder dichorial) anhand
von Ultraschall bestimmt werden kann und bei jeder Mehrlingsschwangerschaft
auch bestimmt werden sollte, können die plazentaren Gefäßverbindungen
nicht erkannt werden. Wenn bei Zwillingen festgestellt wird,
dass sie MC sind, und insbesondere, wenn Anzeichen von FFTS
vorhanden sind, geht man davon aus, dass Gefäßverbindungen
bestehen. Die Gefäßverbindungen können nur
per Endoskopie der Gebärmutter (wie z. B. während
einer fetoskopischen Laseroperation) oder durch Untersuchung
der Plazenta nach der Geburt ermittelt werden.
Die Blutübertragungsarten bei MC-Zwillingen
sind die chronische, die akute oder die chronische Übertragung
mit zusätzlicher akuter Transfusion. Chronisches FFTS
tritt früh auf, d. h. im ersten oder zweiten Schwangerschaftsdrittel,
und resultiert für gewöhnlich aus der Übertragung
von Blutprodukten über Arterie/Vene-Verbindungen von
einem Spenderzwilling an einen Empfänger. Akute Übertragungen
können während der Geburt oder zu jedem anderen
Zeitpunkt während der Schwangerschaft auftreten, wenn
ein bedeutender Blutdruckunterschied zwischen den MC-Zwillingen
vorhanden ist. Ein Beispiel für die letztere Situation
ist, wenn ein MC-Zwilling aus irgendeinem Grund verscheidet
und der lebende Mitzwilling dann plötzlich durch die
Verbindungen zurück in seinen Zwilling blutet, der gestorben
ist (s. Abbildung 4). Man nimmt an, dass Arterie/Arterie-
und Vene/Vene-Verbindungen die wahrscheinlichen Verbindungsarten
sind, die in solchen Fällen die akute Blutübertragung
verursachen. Wenn ein Spender bei chronischem FFTS verscheidet,
kann eine akute ‚rückläufige’ Transfusion
vom Empfänger zurück zum Spender auftreten; dies
hängt wiederum von der Art der vorhandenen Blutgefäßverbindungen
ab.
Im Vergleich von MC-Zwillingen und Zwillingen
mit separaten Plazenten sind die Blutgefäßverbindungen
letzten Endes die Ursache für die meisten Komplikationen.
Zusätzlich zu den oben beschriebenen Auswirkungen, die
chronisches und akutes FFTS auf die Babys haben können,
geht man davon aus, dass die Blutgefäßverbindungen
eine Rolle in den Fällen spielen, in denen ein MC-Zwilling
einen Geburtsfehler aufweist (z. B. Herz, Niere, Darm etc.
betreffend), der andere eineiige Zwilling aber nicht. Hier
ist wohl sehr früh eine Übertragung eingetreten,
im Embryonalstadium, wenn sich die verschiedenen Organe entwickeln.
Wir halten es sogar für möglich, dass die Verbindungen
und eine signifikante Blutübertragung zu einem sehr frühen
Verlust eines Zwillings führen können (verschwindender
Zwilling auf dem Ultraschallbild), woraufhin ein einzelnes
Baby geboren wird.
Von sämtlichen verfügbaren Therapien
bei FFTS zielt nur eine fetoskopische plazentare Laseroperation
auf die Gefäßverbindungen zwischen den Zwillingen
ab. Durch Abtrennen der Verbindungen zwischen den Zwillingen
kann mit der Lasermethode die chronische Blutübertragung
von einem Zwilling zum anderen gestoppt und die plötzliche,
akute Blutübertragung vermieden werden, wenn ein Zwilling
verscheiden sollte. Dies kann vor allem dann eintreten, wenn
die Zwillinge ihre gemeinsame Plazenta nicht gleichmäßig
teilen und der Anteil eines Zwillings zu klein ist, um über
die frühe bis mittlere Schwangerschaftsphase hinaus zu
überleben.
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